A love story

Ich habe mich verliebt. Er ist schon etwas älter, sehr interessant, sieht unglaublich gut aus, beansprucht allerdings viel Zeit. Sein Name ist Steindruck. Heute eher als Lithographie bezeichnet, wurde diese Drucktechnik 1798 von Alois Senefelder entwickelt, um eine größere Auflage an farbigen Drucken zu ermöglichen.

Es ist ein sehr aufwendiges Verfahren, bei dem es im Prinzip um den Gegensatz von Fett und Wasser geht: man zeichnet auf einen abgeschliffenen Kalkstein mit einem fetthaltigem Material (wie beispielsweise spezieller Tusche oder Kreide), bestreicht den Stein mit Wasser und walzt ihn noch feucht mit Druckfarbe ein, sodass die Farbe nur an den fettigen Stellen haften bleibt. Das war jetzt die absolute Kurzform, denn es benötigt viele kleine Arbeitsschritte, wie das Ätzen oder Schleifen des Steins, sodass es mehrere Tage braucht, um eine Lithographie anzufertigen. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb mir so viele von dieser Technik abrieten und ich kann verstehen, dass man seine Schwierigkeiten mit der Lithographie hat. Es ist wie mit der Farbe orange – man liebt oder hasst sie

 

Für mich war es keine Liebe auf den ersten Blick, aber das Erlernen dieses Handwerks wurde zur Offenbarung: ich war von morgens bis abends in der Werkstatt, habe den Stein bearbeitet, stundenlang darauf gezeichnet, viele Drucke hergestellt, war unzufrieden, dann wieder erwartungsvoll und wurde von dieser Technik schließlich verschluckt und nicht mehr ausgespuckt. Abends lag ich mit dicken Füssen und schmutigen Händen auf dem Sofa und morgens ging es wieder rund. Ich kann mir gar nicht genau erklären, was mir an der Lithographie so gut gefällt, aber es ist eben ein Handwerk, an dem man sich abarbeitet, ein Prozess, der längst nicht mehr das Produkt als das Bedeutende ansieht, sondern die Entstehung, den Arbeitsvorgang. Vermutlich ist es dieses Intensive und gleichzeitig Einfache. Nach A kommt B. In einer globalisierten Welt voller Bezüge und Verweise, in einer Welt in der man nicht einmal Bananen im Supermarkt kaufen kann ohne auf der anderen Seite der Erde jemanden um seinen Lohn zu betrügen, hat die Lithographie etwas Heilsames. Ja, Heilsames: in ihrem Buch „Knitting for Good“ (unbedingt zu empfehlen) beschreibt die amerikanische Aktivistin Betsy Greer was das Stricken ihr gab: „it calmed me, it connected me, it inspired me.“ Einen ähnlichen Effekt hat das Erlernen und Arbeiten mit der Drucktechnik auf mich auch, ich würde vielleicht eher von tiefer Zufriedenheit sprechen, die am Ende des Tages aufkommt.

Hier ein paar meiner (Zwischen-)Ergebnisse, mit den Drucken bin ich noch nicht ganz zufrieden, but it goes on and on and on…und dazu Like Spinning Plates von Radiohead.

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Schoene Aussichten

Ach ja: Was Gutenbergs Erfindung für das Reich der Bücher bedeutete, war Senefelders Erfindung für das Reich der Bilder.

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